Branche warnt vor Kollaps des Kunststoffrecyclings in Europa
von Ansgar Wessendorf,
Das Deutsches Verpackungsinstitut e. V. (dvi) schlägt gemeinsam mit führenden Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette Alarm: Das Kunststoffrecycling in Europa steht vor einem strukturellen Kollaps. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sowie Bundesumweltminister Carsten Schneider fordern das Institut und die Unternehmen Constantia Flexibles, Dirk Rossmann GmbH, Werner & Mertz, Remondis Recycling sowie Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland einen kurzfristigen politischen Dialog und umfassende Maßnahmen zur Sicherung des Recyclings als strategischen Wirtschaftszweig.
Dramatische Lage einer Schlüsselindustrie
Nach Angaben der Unterzeichner befindet sich die europäische Kunststoffrecyclingbranche in einer existenziellen Krise. Bis Ende 2025 sind bereits nahezu eine Million Tonnen Recyclingkapazität durch Werksschließungen und Insolvenzen verloren gegangen. Die Dynamik ist alarmierend: Die Zahl der Betriebsschließungen hat sich 2024 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, für 2025 wird sogar eine Verdreifachung prognostiziert.
Anzeige
Damit steht nicht nur eine Industrie unter Druck, sondern ein zentraler Baustein der europäischen Kreislaufwirtschaft. Arbeitsplätze, Innovationskraft, wirtschaftliches Wachstum sowie die Versorgungssicherheit mit Sekundärrohstoffen sind akut gefährdet.
Marktversagen durch globale Verzerrungen
Als Hauptursachen identifizieren die Verfasser ein strukturelles Marktversagen: Sinkende Rohölpreise und globale Überkapazitäten drücken die Preise für Neuware (Virgin-Kunststoffe), während gleichzeitig günstige – teils nicht normgerechte – Rezyklate aus Drittstaaten den europäischen Markt fluten. Europäische Recyclingprodukte verlieren dadurch massiv an Wettbewerbsfähigkeit.
Zusätzliche Belastungen entstehen durch hohe Energiekosten sowie regulatorische Unsicherheiten, etwa bei der Bewertung neuer Recyclingverfahren oder der Zulassung von Rezyklaten durch Institutionen wie das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.
„Auch wenn geopolitische Entwicklungen wie die Spannungen rund um die Straße von Hormus kurzfristig Einfluss auf Rohölpreise haben, unterstreichen sie langfristig die Notwendigkeit eines stabilen und wettbewerbsfähigen Kunststoffrecyclings in Europa“, betont dvi-Geschäftsführerin Dr. Natalie Brandenburg.
Gravierende Folgen für Wirtschaft und Klimaziele
Die aktuellen Marktverwerfungen führen bereits zu Investitionsstopps, Innovationshemmnissen und dem Rückbau industrieller Kapazitäten. Wertschöpfungsketten drohen irreversibel zu zerbrechen. Damit gerät auch die Umsetzung zentraler europäischer Klima- und Kreislaufwirtschaftsziele in Gefahr.
Konkrete Maßnahmen gefordert
Die Unterzeichner schlagen ein Bündel kurzfristig umsetzbarer Maßnahmen vor, um die Branche zu stabilisieren:
Stärkung der Nachfrage nach Rezyklaten durch steuerliche Anreize, reduzierte Mehrwertsteuersätze sowie eine bevorzugte Berücksichtigung in der öffentlichen Beschaffung
Faire Wettbewerbsbedingungen (Level Playing Field) durch strengere Umwelt- und Qualitätsstandards für importierte Rezyklate sowie verbindliche Nachweispflichten
Entlastung bei Energiekosten, etwa durch Einbeziehung der Recyclingbranche in industrielle Strompreisregelungen
Bürokratieabbau, insbesondere durch beschleunigte und digitalisierte Genehmigungsverfahren
Erleichterung des internationalen Handels mit Sekundärrohstoffen
Appell an die Bundesregierung
Abschließend appellieren das dvi und die beteiligten Unternehmen eindringlich an die Bundesregierung, kurzfristig in einen strukturierten Dialog mit der Branche einzutreten. Ziel müsse es sein, den drohenden Strukturverlust abzuwenden und das Kunststoffrecycling als strategische Säule einer nachhaltigen Industriepolitik in Deutschland und Europa zu sichern.
Über das dvi
Das Deutsche Verpackungsinstitut e. V. ist das größte Netzwerk der Verpackungswirtschaft in Deutschland und vereint Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.